
Hafturlaub und immer die Strassen entlang. Das war im letzten Jahr. Ich höre Stimmen und sehe Nebel.
Warum man Glück immer als einzigen Moment erinnert. Als einen Song einen Geruch einen verdammten Moment über einer verdammten Brücke über dem Fluss, an dem die schönste Stadt der Welt liegt, nachts im 36er Bus nach Camberwell? Warum selbst der Moment des Schmerzes, der des brechenden Herzens in der Erinnerung zu Glück wird, ist nicht geklärt. Das Leben, kann man da ganz banal sagen, in Momenten da wir das Leben... was auch immer. Ich sitze also in dem Bus hinten, an einem 4 Personentisch mit Johnny, der einen Cowboyhut und eine verspiegelte Sonnenbrille trägt und zu Screaming Jay Hawkings singt, wie Millionen anderer hoffnungsvoller Bandleader in den letzten 60 Jahren vor ihm. Julian spielt leise zischend auf seiner psp und was die anderen machen weiß ich nicht, sie können mich alle nicht leiden, ich knipse, falls man das dazu sagen kann, aus dem Fenster und im Bus herum, mit 1600 asa, Bildstabilisator und einer mediumformat-equivalenten SLR und setze mir zum Ziel nicht mehr als 36 Bilder am Tag zu machen und keines davon löschen, funktioniert nie, aber der Gedanke ehrt mich, ich weiß. In der Sekunde, in der mir klar wird, dass ich Gummistiefel mit dicken Socken trage, obgleich es seit 4 Tagen nicht geregnet hat, ziehe ich andere Stiefel an, ohne aufzustehen, indem ich mit den ausgestreckten Beinen auf dem Busfußboden nach ihnen angele und ich weiß, dass ich mir an der nächsten Station nicht nur die Haare unter dem Cowboyhut von John oder einer gefundenen Truckercap verstecken werde, sondern auch habe ich mir einen wirklich täuschend echten Schnauzbart besorgt, er hat mich einiges gekostet und er war nur durch Julians hervorragenden Beziehung zu einer Hamburger Maskenbildnerin nebst zugehörigem Mastixklebstoff zu bekommen. „Du bist so krank“ sagt Julian dazu. John kann über so etwas lachen. Hinter einem Bühneneingang hat er mich gefragt warum, ich sage hast du eine Ahnung wie frei ich bin, seit ich nicht mehr schön sein muss, zumal es doch nur ein Trick und eine Täuschung ist. Ich weiß nicht weil lang es dauern wird, bis ich hier ernst genommen werde. Ich denke an LA. Da hieß der selbe Mechanismus Aufgeben, alles aufgeben. Das hier kommt mir jetzt wie ein großartiger strahlender Neubeginn vor. Und mein Sommer in Deidras Latexhose, dem Spitzen-BH und dem zerrissenen weißen T-Shirt, als mir zumindest das, was mir in dieser Zeit eine Welt war, gehörte, womit ich doch da überhaupt nicht mehr gerechnet hatte. In einer beschmierten Herrentoilette, in der ich zufällig lande, verschwinde ich einer der Kabinen, und packe heimlich etwas aus, das ich weniger nicht teilen, als am allerwenigsten zugeben will. Austins Hand in meinem Nacken fühlt sich an wie ein warmer Wind, wie der scheisswarme, bazillenschleudernde Händetrockner, wie der Hotelfön in dem kalten Hotel, der einzige Quelle der Wärme der letzten Nacht.
Nordrheinwestfalen, der Ort heißt also Bielefeld oder so ähnlich, ich höre den ganze Tag Gainsborough oder so ähnlich, und als wir aus dem Bus steigen fühlen wir uns, als verließen wir die Planken eines Schiffes, das Gehen erscheint schwer und unnatürlich.
Wir laufen einen Moment durch die kahle Bielefelder Innenstadt und ich mache deprimierende Fotos einer heute passend deprimierenden Band, wir suchen ein Restaurant finden Imbissbuden, Multinationals und irgendeine Pizzeria in der ich mich entschließe als schmucklose Person mit falschen kurzen Haaren und schmalen Gesicht schlecht behandelt zu werden. Die Pizza ist fettig und minderwertig und den Jungs ist das egal, ich esse die Zwiebelscheiben aus dem Salat und als wir schließlich an der Konzerthalle ankommen, lungerten schon einige Dorfjugendliche davor, in Kapuzenpullovern und mit Piercings an Stellen, die ihnen bereits in dem nächsten Jahren bitter leid tun werden. Ich konnte die Kleinstädte noch nie ertragen sie kriechen in mich wie fremde Feinde, setzten sich in meine Zellen und lähmen jeden Gedanken. Ich habe Angst und Johnny legt mir den Arm seiner schmutzige Lederjacke um die Schultern. „Weißt doch, wie das ist.“ Ich bekomme einen unbewussten Anfall von Hospitalismus und will zurück in den Bus aber niemand ist bereit, diesen für mich zu heizen also suche ich eine Steckdose für das Ladegerät meines Kameraakkus und sehe mir DVDs einer englischen Krimiserie an und weine aus Heimweh. Irgendwas an dieser Kleinstadt ist Twighlightzone für mich und zwar der schlechtesten Art. Ich zeichne den Regen auf der Fensterscheibe des Backstageraumes nach, der mich an ein Jugendzentrum erinnert, das ich niemals besucht habe. Irgendjemand hat „search and destroy“ an die Wand geschrieben und Austin erzählt mir von Henry Rollins der hier vor 20 Jahren seine Arme an eben diese Wand stützte, jeder Muskel gespannt, und wie ein Soldat einer Spezialeinheit, der sich auf seinen sicher todbringenden Einsatz einstimmt, seine Atemübungen machte. Johnny klimpert auf seiner Gitarre und spielt „the Asphalt World“ und wir singen ein bisschen zusammen, weil ich alle Songs von Suede auswendig kann.

oha, das ist echt ziemlich gut!
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