Ich erwache und liege mit der Nase direkt auf dem abgestaubten schmutzigen roten Cord des Küchensofas. Ich bin noch vollkommen fasziniert überhaupt eingeschlafen zu sein, da höre ich eindeutigste Geräusche aus dem Zimmer nebenan untermalt von einen deutlichen dunklen Summen, das aber aus einer ganz anderen Richtung zu kommen scheint. Ich liege mitten zwischen den Geräuschen. Auf der Suche nach dem Badezimmer entdecke ich zumindest, dass die Ursache des dunklen Summens nicht in einer Störung meines Neurotransmitterstoffwechsels sondern hinter einem Türspalt begründet liegt. Ich öffne die Tür noch ein weiteres Stück und während sich meine Augen an die moschusrauchige, aubergine-violette Dunkelheit gewöhnen, bemerke ich ein rasselndes Atem unter dem Ton, der sich als Summen eines nicht augestellten Gitarrenverstärkers entpuppt. Mit einem Knack des Reglers beende ich den meinem Magen verdrehenden Basston und bin allein mit dem Atem, dem unbekannten Geruch, dem Dunkelviolett und den Sexgeräuschen aus Julians Zimmer. Eine WG denke ich, ein zweiter Mitbewohner, wie albern. Ich ziehe meine Schuhe und meine Jacke an und hole den Zettel aus dem Kreditkartenfach meines Geldbeutels, doch diesmal strahlt er keine Wärme mehr ab, die ganze Wohnung ist plötzlich winterkalt. Ich stopfe mir vier extrascharfe Pfefferminzkaugummis in den Mund und wische an meiner Wimpertusche herum, während ich in einen Taschenspiegel blicke, aus dem zu meiner eigenen Überraschung in meinen riesigen Augen immer noch der weich gezeichnete Glanz des letzten Abends liegt. Dann laufe ich ziemlich schnell und mit ziemlich großen und festen Schritten, in den Hausflur, auf die Strasse und in Richtung des Hotels. In der kalten, hellen Morgenluft werde ich wach und nüchtern und fühle mich wie mit 16 - eindeutig immer am falschen Ort.
Der Frühstückraum ist ebenerdig wie so oft und mit meiner Parkerkapuze über dem Kopf drücke ich meine Stirn an die Scheibe und suche jeden der Tische ab, so als sei ich ausgesperrt, als wäre nichts schwerer, als sich mit meiner verdammten Kreditkarte Eintritt zu verschaffen, an der kleinen Rezeption vor dem Frühstücksaal.
Irgendwann wird mir ist kalt vor der Scheibe und ich weiß irgendwie versuche ich mich abzulenken, aber etwas ist stärker als dieser Versuch. Dann sehe ich, wie Boris den Raum betritt, mit der nun alt bekannten kleinen, dunkelhaarigen Frau und ihnen folgte noch etwas. Es ist ein Kind. Ein langes dürres Mädchen, vielleicht 6, mit pechschwarzen Haaren - zum glück! - und krummen Knien. Das Mädchen trägt ein rotes Kleid und eine schwarze Flokatiweste, die so wenig zum eigenen Kleid und zu den ordentlichen Kleidern der Eltern passt, dass ich ganz sicher bin, sie hat sie sich selbst ausgesucht. Sie hat die riesigen Augen aus Boris’ jungem Gesicht, zumindest diese Gene müssen stärker gewesen sein. Das Mädchen hält die Lippen aufeinander gepresst und schaut nur, und sich fast schüchtern um, aber ihre Glieder zucken, wackeln und sie läuft hin und zurück macht vierzehn Schritte, wenn ihr Eltern zwei tun. Eltern. Ich sehe Austin vor mir, den selbsternannten Peta-Aktivisten in seinem falschen dunkelgrauen Winterfuchspelzmantel.
„Mann das ist Hamburg, das ist nicht Sibirien“
„Du willst immer alles vorher wissen,“ sagt er, auf seinem Streichholz kauend dabei. Und: „Sie heißt May.“
„Was zum Teufel wäre an Lucy so falsch, ist das ein so schrecklicher Name?“
Was soll’s, sage ich mir. Wirklich seltsam ist allein die Tatsache, dass mir klar wird, dass ich auf das Kind eifersüchtig bin und nicht auf die Frau. Das hat schon etwas Tragisches und ich will nichts Tragisches sein.
Mit einer Tüte voll mit politisch unkorrektem McDonald’s breakfast für alle, stehe ich wieder vor Julians Haustür und niemand wundert als mehr als mich, dass ich hierher zurück gefunden habe. Nicole öffnet mir die fremde Tür und ich werfe meine Burgertüte auf den Küchentisch und sehe erst da, dass am Fenster jemand steht, der je nach kultureller Prägung ein bisschen wie Jesus oder wie Charles Manson aussieht. Er hat wirre schwarze Haare und vor lauter Haaren ist vom Gesicht nicht viel zu sehen, er trägt eine grauen Kapuzenpulli mit der Aufschrift „thrasher“ und eine enge schwarze Nylonlaufhose die in dicken Socken steckt, die am linken großen Zeh ein Loch haben. „Eeehhh, du bist aber schön,“ sagt die Mansongestalt lang gezogen und die Betonung passt nicht zu der Bedeutung seiner Worte. Nicoles gesamter Körper spannt sich an, in Sekundebruchteilen ist sie in höchster Alarmstellung, das sehe ich aus den Augenwinkeln, das kenne ich gut, ich öffne den Mund und irgendwas der Wut der bleifarbenen Morgenkälte, über die Familien Idylle, des Zorns über den schwindenden Glanz meiner ungewaschenen Existenz entlädt sich in ein tonloses „Halt die Fresse, Arschloch“ und ich weiß im selben Moment, das das nichts war, was man einer Person wie dieser sagen kann. Einer Person in deren Blick so viele Substanzen oder soviel Irrsinn toben, wie ich es zwar schon gesehen haben muss, weil ich blitzschnell dann doch noch erkenne um was es sich handelt, aber mich nicht entsinnen kann, wann je in dieser Intensität. Und in Julians Blick erschient die zweite, unaufhaltsam näher rasende Leitplanke in 24 Stunden.
Nichts bleibt denen, gar nichts. Ich hab an alles geglaubt, an alle Werte, an Loyalität und vor allem an die Liebe und das Wort klingt schon allein wenn man es bloß denkt, so dass man lachen muss, aber nicht freundlich, sondern bitter. Dass die Menschen irgendwann aufhören etwas für den anderen zu fühlen... für wen hat mein Fühlen aufgehört? Für mich hätte ich gesagt, vor Los Angeles. Für wen jetzt? Warum war in Los Angeles alles leichter? Sie haben alle gesagt, dass dort jeder aus Plastik besteht und der Druck so stark ist, dass man - wen auch immer das meint - daran sicher zerbricht, und alle wären zu schön, zu künstlich, und es sei nirgendwo so hart wie dort, aber ich kam dort besser zurecht als sonst irgendwo, sogar besser noch besser als in meiner Herzheimat. Meiner nassen, schmuddeligen Herzheimat.
Die Bilder reißen nicht ab, nichts reißt ab. Während mir der dunkle Mann näher kommt und Nicole aufspringt wie in Panik und Julian näher kommt wie in Panik. Aber sie bewegen sich langsam dabei und ganz langsam nähert sich eine raue Handfläche meinem Gesicht und ich schließe die Augen, denn es ist mir tatsächlich gleich, was jetzt passiert. Und eine andere Stimme als die, mit der er eben gesprochen hat, sagt auf Englisch, aber das ist es nicht, was die Stimme anders macht, sie spricht einfach in einem ganz anderen Klang „ It will all be allright“ und seine Hand liegt für einen Augenblick an meiner Wange, und sie fühlt sich dunkel an, hinter meinen geschlossenen Lidern, dunkelviolett. Und Julian atmet so laut auf, dass ich zunächst denke, das Geräusch kommt von irgendeiner Maschine in dieser Wohnung. Mein Gegenüber sieht überhaupt nicht mehr wie Charles Manson aus. Auch nicht wie Jesus. Und meine Muskeln entspannen sich wie nach einer Injektion eines Muskelrelanxantiums, als hielte jemand einen Krampfanfall auf, plötzlich ist der Raum hell und freundlich und sauber, und ich rieche den Kaffee und spüre, das es warm ist hier und zu warm für meine Jacke und ich setze mich an den Küchentisch und sage leise:
„ Ich habe euch Frühstück mitgebracht,“ und zu dem fremden Mann:
„I guess it won’t, but it’s nice of you to say that“.
„It will be.Your cards are the best. Royal flush.“
Ich schließe meine Augen wieder und habe Heimweh nach der Sonne. Ich habe immer Heimweh. Der dunkle Mann lächelt, als ich wieder aufsehe. Nicole sieht fröhlich aus, und Julian hat ein weißes großflächiges Kindergesicht bekommen. Das einzige Problem wird sein, dass alles wieder von vorne los geht sagt da irgendwer, durch die Musik, das Tassenklirren in den aufsteigenden Zigarettenrauch. Ich weiß nicht in welcher Sprache, ich weiß nicht ob es Austin ist oder der dunkle Mann, der das sagt. Als ich fragend zu ihm hin schaue, nickt er mir zu und sagt: „ Johnny“, und er heißt wie die Titel von 5000 Liedern.
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Es ist so perfekt, das in kleinen Dosen zu lesen, weil es einen sonst vielleicht erschlagen würde.
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