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Saturday, 6 August 2011

The road to god knows where (3)

Am nächsten Morgen haben wir Zeit, denn der nächste Stopp ist nur eine knappe Stunde entfernt. Wir fahren zu einem McDonalds Drive-in zum Frühstücken, weil ich mir das diesmal aussuchen darf, bezüglich des Essens haben wir ein Art Tourdemokratie, die ziemlich unnötig ist, weil alle außer mir alles mögen. Wir kaufen verwerfliche Stückzahlen der Angebote auf den matt beleuchteten Displays und essen im Bus. Das Mädchen ist nicht hier, was entweder nichts oder alles heißt. Und ich ärgere mich darüber, dass es mich überhaupt interessiert. Die anderen essen jetzt schon Burger und ich hole mir fünf mal frischen Kaffee und esse frittierte Eierbrötchen mit Ketchup und Honig. Da wir diesmal etwa eine Stunde fahren müssen, freuen sich alle auf den Ausflug in die etwas größere Stadt, zumal morgen der erste freie Tag ohne Concert ist. „Städte, pah!“ spotten Johnny, Julian und ich. Christian und Phil spielen mit mir auf der Spielkonsole und Julian versucht 20 Minuten lang eine auf dem Fußboden liegenden Setlist per Gedankenkraft zu bewegen. Als Thomas ruckartig bremst, fliegt sie mir schließlich vor die Füße. Johnny und ich haben unsere Mützen getauscht und ich spiele auf Phils Gitarre, und wir spielen Nancy und Lee, wobei mir regelmäßig die Stimme wegknickt, worüber aber alle lachen müssen. Austin stopft eine Decke um mich und in meinen Sitz, bis ich merke dass es Johnny ist.

Dortmund. Der Veranstaltungsort war einmal ein Jugendzentrum, erzählt mir einer der Angestellten, als ich im Backstageraum nach Motiven oder Filmszenen suche. Dann sagt mir Austin, dass hier Evan Dando vor 20 Jahren auf seiner Akustikgitarre für ein Mädchen Dinosaur jr’s „Repulsion“ spielte und sang. Ich kann sie plötzlich beide sehen und diesmal sieht das Mädchen aus wie ich noch vor wenigen Wochen. Aber heute hält mich sogar die übliche Medienfrau für einen Jungen, die schaut gar nicht auf meine Schuhe, und ich murmele nur etwas oder sage gar nichts, und sie ist so freundlich zu mir, dass es unglaubwürdig wirkt. Es kommt noch ein anderer Fotograf dazu, die Band wird Interviewt, aber nur Johnny und Julian reden und ich lasse lässig kauend meine Kamera neben mir liegen. Dann, in einer Sekunde als sich der gesamte Raum wie in einer Atempause befinden, kommt sie zurück. An ihr hängt jetzt Johnny Funkeln und obwohl sie es nur gestohlen hat, sieht es aus, als gehöre es zu ihr. Sie heißt Ivy, sagt sie, und ich weiß, sie sagt das mit einer Anspielung auf das giftige Efeu in dessen Umarmung man erstickt, so wie man in ihrer Sexyness zu ersticken hat und noch sagen muss, dass es ein süßer Tod sei. Sie mustert mich misstrauisch, so als sei sie überlegen und doch kann sie ihr Interesse nicht verbergen. Ich wünsche mir, ich sei unsichtbar. „Mach doch endlich mal nen Bild von ihr, die verrenkt sich schon die ganze Zeit den Hals beim Haare schmeißen“ sage ich schließlich zu dem Magazinfotografen und versuche, dass es freundlich klingt, und er lacht und denkt gar nicht daran. „Lucy!“ sagt Julian warnend und ich hebe langsam meine Kamera, und dann, wie in einem Akt der Selbstverletzung lasse ich Ivy in genau dem Licht erscheinen, in dem sie sich schon immer hatte sehen wollen; so wie ich noch vor wenigen Wochen. Beinahe ein später Zwilling.
„Da schau,“ sage ich zu ihr, „Das kommt in unser Tourtagebuch. Auf die Website.“
„Oh," ruft sie, "oh, kann ich das bitte, bitte auch haben?"

„Aber sicher,“ sage ich und tippe ihre Adresse in mein Telefon. Dann wende ich mich ab und lösche alle Bilder, auf denen sie zu sehen ist.

„Willst du was von Johnny,“ sagt Ivy nach dem Konzert zu mir und lächelt, aber ihre Stimme klingt scharf, sie ist jetzt so viel weniger hübsch als ich anfangs dachte. Mich wunderte, dass sie glaubt, das mir jemand wie sie zu drohen vermag. Alles verändert sich langsam. Die Nichtwelt des Nichtseins auf der Tour, die Kälte, die Verkleidung, meine Bilder davon, verschwimmen genauso wie die Künstlichkeit und Wärme von LA in einen einzigen Strudel an unterschiedlichen Farben zerfloss, am Ende zu Nichts, zu beige, zu braun, zum komplett Abstraktem. Nur die Erinnerung an Boris, an Nathan und mich bei Ihnen ist klar und schwarz wie ein Scherenschnitt. Jedoch genauso nicht mehr existent. Da mir keine passende Lüge einfällt antworte ich ihr mit der Wahrheit:

„Ich muss diese Photos machen. Das ist mein Job.“

„Und ich glaube nicht, dass du für ihn mehr sein kannst, als das.“

Sie hat das wirklich gesagt. Sie ist um einen Kopf kleiner als ich und schafft es dennoch an mir herunter zu sehen. Als wäre meine Welt die ihre. Als sei ich an ihrem Maßstäben zu messen. In meinem metrischen System existiert nicht mal eine Einheit die sie erfasst.

Vor dem Gebäude gibt mir die Straße keinen Hinweis auf ein öffentliches Verkehrsmittel. Es regnet und der Regen ist jetzt mit Eis vermischt. Ich nehme meine Kapuze vom Kopf, die Mütze ab, ziehe mir mein Haargummi aus dem Zopf und schüttele meine Haare in den Eisregen. Als ich schließlich ein gelbschwarzes Taxilicht finde, muss ich mich fast vor den Wagen werfen, um den Fahrer zum Anhalten zu bewegen.

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